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Aktuelles
Der Guerillero von Saint-Gilles
Ein unbequemer Bühnenzauberer: Claude Semal
Folgender Artikel erschien am 13. Oktober 2005 unter demselben
Titel auf der deutschsprachigen Infosite www.belgieninfo.net
Seine
Lieder hört man nicht im RTBF, seine CDs prunken nicht an bester
Stelle in den einschlägigen Regalen der Großkaufhäuser.
Seine Bühnenauftritte ziehen hauptsächlich ein Stammpublikum
an. Er wird weder von der Politik geehrt noch vom König eingeladen.
Der Kabarettist und Schauspieler Claude Semal, Jahrgang 1954, ist
ein Geheimtipp für Kenner, ein Juwel, deren es im Königreich
wenige gibt.
Sagten Sie König und Königreich? Auf der Bühne gibt
Semal zu jeder möglichen Gelegenheit seine belgitude, sein
belgisches Lebensgefühl zum Besten, doch auf das Thema Monarchie
ist er nur bedingt zu sprechen. Als ihn die Tageszeitung Le Soir
kürzlich anlässlich von Belgiens 175-jährigem Jubiläum
fragte, welche drei Wörter ihm am meisten bedeuteten, stand
oben auf seiner Liste la République: „Ich liebe dieses
Wort, das uns zu freien Bürgern eines Gemeinwesens macht...
Ich weiß: wir leben in Belgien, und das Wort hat hier keine
gute Presse, aber eines Tages müssen wir einsehen, dass Könige
in die Geschichte gehören...“.
Boykott?
Die Monarchie ist in Belgien tabu. Ist das vielleicht der Grund,
warum er nicht zur offiziellen Kultur gehört und vom öffentlich-rechtlichen
Sender RTBF regelrecht boykottiert wird? Man weiß ja, dass
die französischsprachigen Medien hierzulande Republikaner scheuen.
Doch Semal sieht in diesem faktischen Boykott keine politische,
vielmehr eine kommerzielle oder kulturelle Zensur. Lieder mit Inhalt
liegen nicht im Trend der Zeit. Dass nicht nur das chanson à
texte, sondern auch die Politik und noch viel anderes dem Kommerz
weichen musste, darüber weiß er uns übrigens mit
seinem Foxtrott La façade aus dem Jahre 1997 zum Lächeln
zu bringen.
Soziales und politisches Engagement war schon immer sein Geschäft.
1986 erlebte er einen Durchbruch mit dem Spektakel Odes à
ma douche, das 300 Aufführungen erlebte und aus dem eine Schallplatte
gemacht wurde. Aus dieser Zeit stammt Noble B (Belgique, merde ô
chérie), eine bitterböse Parodie auf die belgische Nationalhymne,
die Brabançonne (Belgique, ô mère chérie),
entstanden als belgisches Gegenstück zum Hexagone von Semals
französischem Amts- und Kampfbruder Renaud. Davor, von 1974
bis 1980, war Claude Semal sieben Jahre lang künstlerisch still
geblieben, um sich seiner Tätigkeit als politischer Redakteur
für die Wochenzeitschrift Pour zu widmen. Das Virus hat ihn
nicht verlassen: Er schreibt heute noch eine politische Glosse für
die belgisch-französische Monatszeitschrift Imagine.
Schweißgebadet
Das Engagement bleibt. Ob es in seinen Liedern um die Dutroux-
oder um die Adamu-Affäre (die nigerianische Asylbewerberin
Semira Adamu kam bei ihrer Abschiebung 1998 ums Leben) geht, es
geht schließlich um uns, und wir fühlen uns angesprochen.
Zurzeit spielt Semal im Théâtre de la Balsamine Splendeur
et Mort de Joaquín Murieta vom chilenischen Nobelpreisträger
Pablo Neruda. Das poetisch-burleske Bühnenspiel handelt vom
Drama chilenischer Goldgräber, die im 19. Jahrhundert ihr Glück
in Kalifornien suchten und dort meist nur Elend, Rassismus und Tod
fanden. So einer ist Joaquín Murieta. Seine Frau wird vergewaltigt
und ermordet, er wird des wenigen Goldes, dessen er habhaft werden
konnte, beraubt. Also wird er zum Räuber und Mörder. Neruda
destilliert aus diesem Stoff eine Geschichte der Auflehnung.
Zusammen
mit dem katalanischen Schauspieler Ivan Fox übernimmt Semal
die gut zwanzig Rollen, die Neruda für dieses Stück vorgesehen
hatte. Schwarze und blonde Sängerinnen zaubern die beiden auf
die Bühne, sie sorgen selbst für Schattenspiele und Soundeffekte,
eine Postkutsche, lärmende Pferde, ein Schiff auf hoher See
führen sie uns vor Augen. Wenn der Vorhang, den es nicht gibt,
fällt, sind Semal und Fox schweißgebadet – und
die Geschichte ist uns unter die Haut gegangen, wir waren in Chile,
Kalifornien... und Belgien, denn die Inszenierung von Diane Broman
geht einfallsreich mit Sprache und Aktualität um. Und Bushs
Amerika bekommt natürlich auch eine Portion.
Zu den Privilegierten
Ob ihm das Leben im Land der belgischen Gringos, die sich gelegentlich
auch mit Immigranten schwer tun, erträglich sei? Claude Semals
Verhältnis zu Belgien ist gespalten. Das Land bereitet ihm
Freude und Ekel zugleich. Er liebt Saint-Gilles, den Brüsseler
Stadtbezirk mit Bohèmeflair, in dem er seit eh und je lebt
und wirkt und von dem seine Lieder gleichsam überquellen. „Andererseits
weiß ich, dass ich zu den vier oder fünf Prozent der
Menschheit zähle, die die größte Freiheit und den
größten Wohlstand genießen. Dieses Gefühl,
zu den Privilegierten zu gehören, ist mir unerträglich.“
Demnächst ist Semal in einer der Hauptrollen zu sehen in La
Raison du plus faible, einem Film von Lucas Belvaux. Er spielt einen
frühpensionierten Metallarbeiter. Also Achtung: Bald kehrt
Murieta wieder ins Land der Belgier.
Philipp Bekaert
Claude
Semal
Théâtre
de la Balsamine
1. Mai 2004: eine europäische Plattform für die Republik.
Anlässlich der EU-Erweiterung haben dreizehn republikanische
Vereine aus allen EU-Monarchien, u.a. der Republikanische Kreis
aus Belgien, eine internationale Petition an das Europäische
Parlament gerichtet. Auf diese Weise wollen sie daran erinnern,
dass die Monarchie mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte,
insbesondere mit den Artikeln 1, 7 und 21, im Widerspruch steht.
Sie fordern die Abschaffung der Monarchie in der ganzen Europäischen
Union, damit alle Unionsbürger in den Genuss all ihrer politischen
Rechte und Freiheiten kommen, wie sie in der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte beschrieben sind.
Mit dem Beitritt der zehn neuen Mitgliedstaaten zählt die Europäische
Union nunmehr 18 Republiken und nach wie vor sieben Monarchien.
Der Republikanische Kreis begrüßt diese Entwicklung zu
mehr Republiken und verhältnismäßig weniger Monarchien,
plädiert aber genauso wie die Europäische Union für
noch mehr Demokratie, mehr Transparenz, mehr Bürgersinn und
Partizipation. Mit anderen Worten: Mehr Republik, und weniger Monarchie.
(Text der internationalen Petition an das
Europäische Parlament)
Wackelt Belgiens Thron?
Der Republikanische Kreis ist vier Jahre alt.
Folgender Artikel erschien anlässlich des 4. Jahrestages
des CRK unter demselben Titel auf der deutschsprachigen Infosite
www.belgieninfo.net
Die Geburt von Prinzessin Louise dürfte dieser Tage die Fans
der belgischen Monarchie erfreuen. Doch in Belgien gibt es auch
Menschen, die mit der Monarchie wenig am Hut haben. Der Republikanische
Kreis, der gerade erst vier Jahre alt ist, hat sich unter Journalisten
schnell als seriöse Alternative zu den Befürwortern der
Monarchie etabliert. „In einem Land, in dem platter, scheinheiliger
oder eigennütziger Royalismus allzu oft als einzige Form von
Bürgersinn gilt", wollen die Mitglieder des Kreises „einen
aktiven und verantwortungsbewussten, auf republikanischen Werten
fußenden Bürgersinn fördern", heißt es
auf der (im Umbau befindlichen) Website des dreisprachigen Vereins.
Der Ton ist gegeben.
Dreisprachig
Der CRK, wie der Cercle républicain/ Republikeinse Kring/
Republikanischer Kreis abgekürzt heißt, ist ein gemeinnütziger
Verein. Die offizielle Bezeichnung, das Kürzel und die Website
des Vereins sind dreisprachig, sogar die Satzung erschien im Gründungsjahr
2000 im belgischen Gesetzblatt nicht in Niederländisch oder
Französisch, sondern in deutscher Sprache.
Die Dreisprachigkeit und die besondere Hinwendung zur Minderheitssprache
Deutsch sind neu. Bisher waren die wenigen republikanischen Organisationen,
die das Land zählte, immer einsprachig und eher bis stark regionalistisch,
das heißt für eine weitere Spaltung des Landes. Etwa
die NVA (Nieuw-Vlaamse Alliantie) strebt die Republik Flandern an,
und die Redaktion der Zeitschrift Toudi - um den Journalisten José
Fontaine - befürwortet eine unabhängige wallonische Republik.
Plädiert der CRK für eine Republik Belgien?
Bundesrepublik Belgien
„Nicht unbedingt", antwortet Philipp Bekaert, deutschsprachiger
Wortführer des Kreises, „der CRK spricht sich nicht über
den kulturellen oder geografischen Rahmen der künftigen Republik
aus." Der CRK stehe allen demokratischen Republikanern offen,
die die Monarchie erleiden müssten. Im Verein seien Flamen
wie Frankophonen und sowohl Föderalisten als auch Separatisten
vertreten. Doch für alle sei eine Bundesrepublik Belgien erstrebenswert:
Für die einen als Dauerzustand, für die anderen eben nur
als erster Schritt zu einer weiteren Entwicklung. Wichtig sei, so
Bekaert, dass alle demokratischen Republikaner des Landes mit einer
Stimme sprächen. Was auch immer im Nachhinein mit Belgien geschehe,
es werde eine demokratisch begründete Entscheidung sein.
Für den CRK ist das Problem der Monarchie wesentlicher, als
auf den ersten Blick scheinen mag. Die Monarchie spiele hinter den
Kulissen eine demokratieschädliche Rolle, wie sich in den letzten
Jahren wiederholt gezeigt habe. Etwa König Baudouin hatte sich
1990 auf sein christliches Gewissen berufen und geweigert, das belgische
Abtreibungsgesetz auszufertigen, wie es zu seinen Befugnissen gehörte.
Die Regierung unter Ministerpräsident Martens hatte sich dann
ohne parlamentarische Rückendeckung auf eine Lösung „zeitweiliger
Abdankung" geeinigt. Dabei sei, so der CRK, das Grundgesetz
zweimal verletzt worden. Überdies habe das Palais bei der verfassungswidrigen
Beendung der Abdankung auch Druck auf Parlamentarier ausgeübt.
Demokratisches Defizit
Der Zustand sei unter Albert II. nicht besser, die Rechtsverletzungen
nur etwas diskreter geworden. Man spüre in Laeken eben, dass
viele Bürger keine zweite Abtreibungskrise dulden würden.
Trotzdem wurde in den letzten Jahren weiterhin Druck ausgeübt:
auf einen Senatsausschuss im Euthanasie-Dossier, auf die Justiz
beim Prozess gegen die „vier von Butare", auf die Verwaltung
im Opgrimbie-Dossier. Immer wieder flammen die Affären in der
Presse kurz auf, bevor sie aus den Schlagzeilen verschwinden. Und
fast immer sind katholische Interessen im Spiel.
Mit seinem derzeitigen Bemühen, Ökumenismus und Offenheit
zu demonstrieren, streue das Königshaus den Bürgern Sand
in die Augen, meint man beim CRK. Zum ersten Mal würden zwar
Königssprosse in nichtkatholischen Kliniken geboren und privat
getauft (für Prinzessin Louise war sogar von einem muslimischen
Taufpaten die Rede!), doch das ändere nichts am demokratischen
Defizit, das der Monarchie innewohne. Die so genannte Unparteilichkeit
des Staatsoberhauptes, auf der die konstitutionelle Monarchie beruht,
sei eine Täuschung. Ein republikanisches Staatoberhaupt sei
zwar auch nicht unparteilich, dafür jedoch für seine Worte
und Taten haftbar.
Im Namen des Menschenrechts
Gewählte Volksvertreter
haben hierzulande einen besonders schlechten Ruf: Sie gelten den
meisten Bürgern als korrupt und inkompetent. Der König
dagegen erfreut sich eines positiven Image. Der CRK sieht darin
eine aus demokratischer Sicht gefährliche Folge der Schweigepflicht,
die für alle gilt, die der König auf Audienz empfängt:
Die Krone darf nicht entblößt werden. Ein Minister darf
sich somit hinter den Kulissen zwar vom König beeinflussen
lassen, die politische Verantwortung aber trägt er selber.
Der CRK betont ferner, dass die Monarchie gegen die Artikel 1 und
21 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verstößt.
Diese Artikel der 1948 von den Vereinten Nationen proklamierten
Erklärung besagen, dass alle Menschen gleich sind und gleichen
Zugang zu den öffentlichen Ämtern ihres Landes haben müssen.
In diesem Sinne dürfe die Monarchie durchaus in Frage gestellt
werden, antworten die Republikaner des CRK denjenigen, die meinen,
dass es in Belgien dringendere Probleme gebe. In jeder Demokratie
gibt es zwei Arten politischen Denkens: die eine ist auf dringende
Probleme bezogen, die andere auf das Funktionieren der Demokratie
selber. Beide sind wichtig und schließen sich gegenseitig
nicht aus. Im Zuge der letzteren wurden etwa das allgemeine Wahlrecht
und das Frauenwahlrecht erworben. Warum nicht die Republik?
Der CRK entstand am 1. Januar 2000 „in den frühen Stunden",
wie es in der Gründungsurkunde heißt, nach einer Sylvesterparty.
Die Handvoll Gründer des CRK glaubten damals kaum an den Erfolg
ihres Unterfangens, das eher als Gag gedacht war. Aus dem Gag ist
mittlerweile Ernst geworden, dem Projekt schlossen sich neben zahlreichen
Normalbürgern auch Politiker und Hochschullehrer an, und jedes
Jahr wird das republikanische Manifest des CRK der Presse präsentiert,
mit vielen neuen Handschriften versehen. Studentische Frechheit
ist den belgischen Republikanern auch nicht fremd: alljährlich
verleiht der CRK einen Preis „für den mündigen Bürger
der (künftigen) Republik" und einen „für den
Untertan seiner Majestät". Und das Fest des Königs
am 15. November begehen sie auf burgundische Weise: mit einem republikanischen
Bankett. (Friedrich Hagen)
Kommuniqué des Republikanischen Kreises: König-Baudouin-Platz
in Köln-Ossendorf.
Mit Entsetzen haben wir demokratischen Republikaner Belgiens erfahren,
dass am 7. Juni 2002 im Kölner Stadtteil Ossendorf ein König-Baudouin-Platz
eingeweiht werden soll. Als Bürger eines demokratischen Europa
möchten wir die Bürger und die Behörden der Stadt
Köln und der Bundesrepublik Deutschland auf Folgendes hinweisen:
Abgesehen von der Tatsache, dass die erbliche Monarchie prinzipiell
im Widerspruch zu den Artikeln 1 und 21 der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte steht, zeichnete sich Baudouins Regnum durch
dessen besondere Missachtung der elementarsten Menschen-, insbesondere
politischen Rechte aus.
Wie ein Untersuchungsausschuss des belgischen Parlaments unlängst
- wenn auch nur widerwillig und mit der üblichen Schönrednerei
(„verantwortlich, aber nicht schuldig"...) - feststellte,
war Baudouin maßgeblich beteiligt an der Ermordung des demokratisch
gewählten kongolesischen Ministerpräsidenten Lumumba im
Jahre 1961.
Baudouin unterstützte jahrelang nicht nur symbolisch, sondern
auch politisch Franco in Spanien, Mobutu in Zaire, Habyarimana in
Ruanda und verschiedene andere undemokratische Regimes.
Unter dem Vorwand der Gewissensnot weigerte sich Baudouin im April
1990, ein demokratisch beschlossenes Gesetz - das so genannte Abtreibungsgesetz
- auszufertigen, wobei die belgische Verfassung zweimal mit Füßen
getreten wurde, und zwar von ihrem obersten Hüter. Die Ausfertigung
der Gesetze hängt nämlich nicht von dem persönlichen
Einverständnis des Königs ab, sondern gehört zu dessen
konstitutionellen Befugnissen.
Aus diesen Gründen und aufgrund allgemein demokratischer Grundsätze
möchten wir im Namen der Republikaner Belgiens die Behörden
der Stadt Köln bitten, ihre Entscheidung zu überdenken
und die Straßen und Plätze ihrer schönen Stadt nur
nach wahrhaften und aufrichtigen Demokraten zu benennen.
Senatoren von Rechts wegen - Erfreuliches für die Demokratie?
Mit Betroffenheit haben die Demokraten dieses Landes die Nachricht
der Vereidigung von Prinz Laurent als "Senator von Rechts wegen"
entgegengenommen.
Der archaische Charakter des verliehenen Titels und des entsprechenden
Zeremoniells springt ins Auge und wirft Fragen auf, und zwar über
den Begriff "Senator von Rechts wegen" und… über
die Monarchie selbst.
Ein Land, das sich zur parlamentarischen Demokratie bekennt, wird
nun mit drei Senatoren bedacht, die - unsere Verfassung ist in dieser
Hinsicht deutlich - potenziell über alle funktionsbedingten
Rechte (Stimmberechtigung inklusive) verfügen, doch im Gegensatz
zu ihren gewählten oder kooptierten Kollegen als Repräsentanten
des Volkes nicht die geringste Legitimität besitzen.
Darauf wäre zu entgegnen, dass sie sich brauchgemäß
damit begnügen, den parlamentarischen Debatten beizuwohnen,
und dass es sich hier um ein einfaches und wirksames Mittel handelt,
die Kronprinzen auf ihren künftigen "Beruf" vorzubereiten.
Diese so typisch belgische Betrachtungsweise - im Vaterland des
Kompromisses weiß jeder, welcher Abstand zwischen dem Gesetz
und dessen praktischer Anwendung liegen kann - ist in unseren Augen
aus mindestens zwei Gründen unbefriedigend.
Nehmen wir zunächst den Brauch.
Der will, dass Kronprinzen sich mit einer diskreten Anwesenheit
bei bestimmten Senatssitzungen begnügen. Aber - nochmals -
das Grundgesetz gibt ihnen Anspruch auf alle funktionsbedingten
Rechte.
Der Brauch ist indes keine zwingende Gewalt, und angesichts ihrer
jetzigen Anzahl (drei), ihrer Persönlichkeit und der Entwicklung
ihrer Kommunikationsgewohnheiten, liegt die Gefahr nahe, dass sich
unsere "Senatoren von Rechts wegen" - zwangsläufig
störend - in die demokratische Debatte einmischen.
Viel sagend sind in diesem Zusammenhang Laurents jüngsten Äußerungen
gegenüber der flämischen Presse. Mit seinen Betrachtungen
über einen früheren Premierminister und die Verdienste
dieser oder jener politischen Bewegung glaubte der Prinz, uns wertvolle
Denkansätze zu vermitteln.
Wir sprechen niemandem das Recht ab, eine eigene Meinung zu haben
(das ist eine Sache) oder die publik zu machen (in diesem Fall schon
Heikleres), doch eins scheinen auch die klügsten Köpfe
übersehen zu haben: die Resonanz, deren sich die Worte Laurents
erfreuten, war ausschließlich auf dessen Adelstitel zurückzuführen
und auf keinen Fall auf die Relevanz seines Kommentars, auf die
Schärfe seiner Analyse oder auf seine anerkannten Verdienste
als politischer Kommentator - Punkte, über die wir uns hier
übrigens nicht aussprechen.
Was kann unter solchen Umständen die Bedeutung des Kommentars
sein, der gleichwohl - zugegeben, relativ künstlich - von allen
Medien weitergeleitet wird? Die Antwort steckt, so scheint es, in
der Frage.
Nun Grundlegenderes zum königlichen "Beruf".
Worin besteht er eigentlich?
Obwohl die vergangenen Jahrhunderte und Revolutionen die Privilegien
einer erblichen, früher absoluten Macht abgeschwächt haben,
steht das Königtum seinem Wesen nach zweifelsohne im Widerspruch
zur Idee der Demokratie.
Dem füge man hinzu, dass die Tätigkeit des Königs
am Gipfel der Institutionen in unserem Land in einen dichten (die
Gesetzestexte bleiben im Ungenauen über ihren Inhalt und ihre
Organisierung) und gekonnt gepflegten ("Die Krone darf nicht
entblößt werden!") Nebel gehüllt wird, und
zwar mit dem Wohlwollen der gesamten politischen Klasse: man denke
bloß an das Prinzip der ministeriellen Haftung! Bei all jenen,
die Teilnahme aller Bürger an der Führung des Gemeinwesens
und Transparenz in der Ausübung der Macht als höchste
und grundlegende Werte eines Staates betrachten, kann dies nur Anstoß
erregen.
Ein solcher Nebel fördert überdies die wiederholte Entstehung
schädlicher Gerüchte, wie etwa bei der kurzweiligen "Regierunfähigkeit"
Baudouins I, beim Delphine-Skandal, bei der fast folkloristischen
und immer noch aktuellen Episode des "königlichen"
Klosters zu Opgrimbie, oder, noch schlimmer, bei der möglichen
Unterstützung von Salvador Allendes chilenischen Gegnern bzw.
von afrikanischen diktatorischen oder gar völkermordenden Regimes.
Die Verschwiegenheit - Undurchsichtigkeit? - in der Ausübung
des Königsamts in Belgien, die manche für ein Verdienst
halten, bildet vielmehr den ungesunden Boden, auf dem unweigerlich
die übelriechendsten Vermutungen keimen.
Aus unserer Sicht führt nur ein Weg aus solch wenig erfreulichen
Zuständen: Transparenz.
Das Argument, nach dem die Ernennung zum "Senator von Rechts
wegen" ein notwendiger Schritt in der Ausbildung zum Königsamts
wäre, scheint uns demzufolge irrelevant. Das Amt ist in seiner
heutigen Form, die man fast okkult nennen könnte, inakzeptabel,
zumal wenn es nur über eine undemokratische Aufnahme in den
Kreis der Repräsentanten des Volkes zu erreichen ist.
Kurzum, "Senatoren von Rechts wegen" sind heute archaischer
denn je.
Eine moderne Demokratie kann sich weder flagrante Verstöße
gegen ihre Funktionierungsgrundsätze - auch nicht im Namen
der sogenannten "Tradition" - noch diskrete und gar diskretionäre
Regierungspraktiken leisten.
Was sollen wir uns wünschen, wenn nicht die Bewusstwerdung
unserer Mitbürger, die rapide Abschaffung archaischer Institutionen
und eine harmonische, friedliche Entwicklung zu mehr Demokratie,
mehr europäischer Integration, und - unvermeidlich, davon sind
wir überzeugt - mehr Republik? (Vincent Van Uytven)
Der Vlaams Blok lässt die Maske fallen
Man wusste es eigentlich, doch nun steht es fest: Der Vlaams-Blok-Republikanismus
war nur Fassade, und dahinter steckte nichts als das hoffnungslos
autoritäre Denken dieser Partei.
Der Vlaams Blok will die belgische 1830er Revolution neu bewerten
und aufgrund ihres angeblichen antiflämischen Charakters für
nichtig erklären… damit das niederländische Königshaus
Anspruch auf den belgischen Thron erheben kann! Bei autoritär
denkenden Wählern erntet die Republik keine Stimmen, wird man
sich in VB-Gremien wohl gedacht haben. Also zurück zum Royalismus
großniederländischen Stils. Gut so, Jungs, überlasst
die Republik ruhig den Demokraten!
Ehrlich gesagt, wir können uns doppelt erleichtert fühlen:
All jenen, die uns jetzt noch (wie schon tausend Mal gehört)
vorwerfen, dass wir mit unseren republikanischen Forderungen im
Fahrwasser des Vlaams Blok schwimmen, können wir nun gelassen
antworten: Der Vlaams Blok denkt autoritär, also auch monarchistisch.
Philipp Bekaert
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